Credo

Gisela Bierbach-Enderle

In meinen Arbeiten versuche ich, Verwitterungsspuren, wie Rost und Patina, die man meistens mit Verfall assoziiert, eine neue Poesie zu geben, indem ich sie gern als Stilelemente benutze. Ich möchte sichtbar machen, dass auch Alterungsprozesse und Spuren der Vergänglichkeit ihre eigene Dynamik und Ästhetik besitzen.

Graffities einer neuen und alten Zeit und immer wieder Vergänglichkeit

Mich faszinieren Verwitterungsspuren als Zeichen der Vergänglichkeit, sozusagen als Metaphern für den Fluss des Lebens, des Werdens und Vergehens, ein immer wieder kehrendes Thema in meinen Bildern und Gedichten.

Der Verfall hat seine Daseinsberechtigung und in seinem Prozess kann er eine eigene Dynamik, eine neue Erscheinungsform und Ästhetik entwickeln. Moleküle ordnen sich neu, der Verfall ist voller Leben.. Ich versuche das gestalterisch, in abgewandelter Form nachzuvollziehen und den Spuren der Verwitterung eine neue Poesie zu geben.

Dabei interessieren mich besonders Wände als Dokumente gelebten Lebens, seien es die alten Höhlenmalereien oder einfach nur der Putz, der von Häuserwänden abblättert und alte Farbschichten in amorphen Formen freilegt, die man manchmal mit geografischen Landschaften assoziieren kann. Wände mit Rissen sind für mich Meditationsflächen.


Schon der Informel-Maler Wols (Alfred Otto Wolfgang Schulze, ein Freund von Jean-Paul Sartre, hat gesagt: „Für mich ist der Riss im Trottoir schöner und bedeutender als der Mont Blanc“, ein Ausspruch, den kaum jemand nachvollziehen kann. Es ist ein Geheimnis, was uns Menschen manchmal bewegt und fasziniert. Wände sind auch Projektionsflächen, für das, was wir empfinden, ausdrücken, verewigen wollen . Die Menschen der Vorzeit benutzten die Höhlenwände, um Szenen ihres sozialen Lebens, das von der Jagd geprägt war, sowie auch Gefühle oder Ängste auszudrücken, Graffities einer früheren Zeit. Die heutigen modernen Graffitis, Kritzeleien oder Einritzungen auf Wänden werden meistens als Zeichen von Vandalismus und Aggression gedeutet, aber auch sie sind eine Dokumention unserer Zeit und haben wie alles einen polaren Charakter.

Die Einsicht in die Unbeständigkeit aller Formen kann in uns selbst die Dimension des Formlosen erwecken und uns helfen, loszulassen, nicht anzuhaften. Diese Bewusstheit ist der stärkste Katalysator des Wandels, und dem ist schliesslich auch der Mensch unterworfen.

(Siehe dazu die Gedichte „Nicht wissend, wer ich bin“ und „Vergänglichkeit“)