Charakteristik

Lebensspuren

Zu den Gemälden von Bierbach-Enderle
Phantasie gehört zu unseren höchsten Gütern. Sie hilft uns aus den Nöten des Alltags, macht aus Trivialem Besonderes, baut wunderbare Landschaften und lässt uns die versprengten Zeitschnipsel unseres Terminkalenders vergessen. Der Augenblick steht still.

Jeder kennt das Phänomen, in einer müßigen Minute an einer Baumrinde, einem bunten Geflecht, einem bizarren Stein, bei den Verwitterungsspuren einer Wand stehen zu bleiben, um sich in den Anblick absonderlicher Formationen zu versenken. Solche Flecken sind, das schreibt schon der Renaissance-Künstler Botticelli, der Einbildungskraft der Menschen sehr förderlich, Grundlage der Erfindungskraft.

Diesen Phänomenen begegnen wir in den Werken der Künstlerin Bierbach-Enderle. Große Fläche zeigen abstrakte Felder von verwegener Form. Das Kolorit ist in unmittelbarer Direktheit gehalten; direkt, weil durch Zugabe verschiedener Stoffe von taktilem Reiz. Die Unmittelbarkeit der erdigen Farbtöne, ihre Griffigkeit entfernen den Betrachter zunächst vom Zwang zur Bedeutung, befreien ihn vom Lesen-Müssen eines Gemäldes, von der Bildungsfalle, in die jeder gestoßen wird, wenn heute das Wort Kunst fällt. Die warmen Farben, die zerrissenen, spröden Flächen entfalten ein selbstgenügsames Dasein. Sie geben Anlass, sich gedankenlos, rein sinnlich auf die Gestaltungen einzulassen. Sie wirken zunächst in diesem meditativen Aspekt. Das Spiel der Rot- , Braun- oder Grau-Töne steht im Vordergrund, ihre Verdichtungen und Schichtungen, die Spannungen im Kontrast, die linearen Risse, welche die Farbe als Masse erahnen lassen, die Zerstörungen abgetragener Farbe, das Wirken kompakter Modellierungen. Immer wieder auftauchende Gitternetze verleihen den Farbmassen Ordnung und Halt. All das sind Eindrücke, die sich sprachlich nicht einholen lassen, die sich in der Anschauung erfüllen. Ein Riss im Trottoire, so fasst es der Maler Wols, kann schöner und bedeutungsvoller sein als der Mont Blanc.

Doch die Malerei Bierbach-Enderles erschöpft sich nicht im ästhetischen Spiel, nicht im bloßen Charme sinnlicher Attraktivität. Die Künstlerin versenkt sich sehr intensiv in ihre Arbeit. Sie trägt Farbe auf, kratzt sie herunter, spritzt mit dem Gartenschlauch, spachtelt, pinselt, schabt und graviert.
Ziel dieser Tätigkeiten ist, jene Verwitterungsspuren, für welche die Natur so lange Zeit braucht, einzufangen. Die Künstlerin leistet schon im Werkprozess eine Verdichtung an Zeit. Zeit, Vergänglichkeit, vielmehr das Nachwehen der Natur in der Zeit darzustellen, ist erklärtes Ziel der Malerin. Tatsächlich wirken ihre Bilder mit Spuren von Rost und Patina wie Verwitterungen an Steinen oder Mauern. Ihre mehrschichtige Malweise, die Verwundungen des Farbauftrags können verstanden werden als Metaphern für das Werden und Vergehen menschlicher Kultur, menschlichen Lebens in der Zeit. Deutlich wird dies an einem Bild mit einer Kachelstruktur im Zentrum, die am Rand von roter Farbe wie von einem Wundbrand umgeben wird. Unten überlagern – in der Art einer Decollage – wie abgerissene Tapetenstückchen wirkende Farbflächen die weißen Klinker.
Bierbach-Enderle zeigt Lebensspuren, sie erzählt allein in diesem kleinen Ausschnitt die lange Geschichte einer Mauer, der sich an ihr manifestierenden Schicksale verschiedener Zeiten und Charaktere.

Die Künstlerin realisiert in ihrer Malerei das Paradox von Vergänglichkeit und Ewigkeit. Sie lädt mit Ihren Gestaltungen ein, beides zu reflektieren und damit einen Ausgleich herzustellen zwischen Anschauung und Gedanken, zwischen Ästhetik und Wirklichkeit, Lebenszeit und Dauer. Diese aradoxien erscheinen aufgehoben in der Einbildungskraft der Künstlerin, zu deren Nachvollzug der Betrachter ihrer Gestaltungen eingeladen ist.


Dr. Bernhard Stumpfhaus, Heilbronn